(fast) vergessene orte

Lebenszeichen: In Österreich ist man bemüht, verlassenen Dörfern wieder neues Leben einzuhauchen.
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Auf aktive Revitalisierungen setzen
immer wieder
machen sie Schlagzeilen: urige, verlassene süditalienische Dörfer, die versuchen, Menschen aus aller Welt zum Zuzug zu animieren. Dafür bieten die Villagios oft tausende Euro Belohnung. Und Italien ist längst nicht allein mit dem Problem der „vergessenen Orte“: Zahlreiche Länder weltweit sind von leblosen Ortskernen und Landflucht betroffen, von Regionen in Australien, Spanien oder Portugal über die usa – bis nach Österreich. Statt Zuzugsprämien setzt man, dort wie hier, allerdings auf aktive Revitalisierungen betroffener Orte.

Um Österreichs Orte zu revitalisieren, wurden in den letzten zwei Jahrzehnten mehrere Initiativen in allen Bundesländern gestartet. Tirol etwa hat eine Förderstelle für Revitalisierungsmaßnahmen ins Leben gerufen, die es Gemeinden mit einer Kostenübernahme von bis zu 75 Prozent erleichtern soll, alte Gebäude oder ungenutzte Flächen zu beleben. Wahrgenommen hat dieses Angebot unter anderem Silz im Inntal, und konnte mit der Förderung über 30 leerstehende Wohn- und Wirtschaftsgebäude sanieren. Auch in der Steiermark nimmt man sich des Problems an, hat dafür sogar eine Stelle für Ortskernkoordination ins Leben gerufen. Eisenerz gilt hier als bekanntestes Beispiel: Um die „Shrinking City“ wiederzubeleben, startete man 2005 ein Rückbau- und Umsiedlungsprogramm, das soziale Strukturen auf die Innenstadt fokussierte, um die Bevölkerungsdichte dort zu erhöhen; dennoch kämpft man nach wie vor mit Wegzügen.
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Neues Leben für den Kern
Als Vorzeigestadt für eine gelungene Ortskernentwicklungsstrategie gilt Trofaiach, das seit 2020 sogar Zuwanderung erfährt. So findet man im Zentrum nach acht Projektjahren unter anderem eine Musikschule und 60 neue Geschäfte. Unterstützt wurde Trofaiach dabei von nonconform. Die Ideenwerkstatt – 1999 in Wien als Planungs-, Architektur- und Beratungsbüro gegründet, heute mit Zweitstandort in Berlin – erstellt in partizipativen Prozessen neue Konzepte für „ein lebendiges Umfeld“ in Innenstädten. Es ist eine aktive Antwort auf das „Aussterben“ vieler Gemeinden. „Früher besaßen die Orte, egal, welcher Größenordnung, ein kompaktes Zentrum, in dem alles gleichzeitig stattgefunden hat: Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Einkaufen. Über die Motorisierung und Industrialisierung sind diese Nutzungen immer weiter nach außen gewandert und haben Energie vom Zentrum abgezogen. Möchte man das als Bild beschreiben, so sind ‚Donut-Orte‘ entstanden“, erklärt Co-Gründer und Architekt Roland Gruber. „Was aber gebraucht wird, sind die identitätsstiftenden Räume in den Zentren. Das heißt, eigentlich müssen wir nicht Donuts produzieren – sondern Krapfen.“

Um eine Gemeinde vom „Donut“ zum „Krapfen“ zu machen, arbeitet nonconform eng mit den Gemeinden und ihrer Bevölkerung zusammen – ein „Miteinander weiterdenken“, wie es nonconform nennt. Erster Schritt sei das individuelle Finden der Identität eines jeweiligen Ortes. In Ideenwerkstätten mit der Bevölkerung werden daher zunächst für die Gemeinde passende Maßnahmen ausgearbeitet. Essenziell seien dabei Leerstandserhebungen, die helfen, das Potenzial verlassener Gebäude zu erkennen und aktiv für die Ortsentwicklung zu nutzen. In weiterer Folge beauftrage man zuständige Personen, ergänzt der Architekt: „Es braucht spezielle Zentrumskoordinator:innen, die dranbleiben müssen. Denn es ist unglaublich viel Arbeit, um im Kern wieder Vitalität zu schaffen.“ Die Maßnahmen reichen dabei von kleinen Eingriffen wie dem Neuanstrich einer Fassade bis zur Schaffung neuer Wohnräume oder der Förderung von Start-up-Initiativen. Ziel sollte es sein, fasst es Roland Gruber zusammen, eine nachhaltig spürbare Veränderung in der Atmosphäre zu bewirken.
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Das beschauliche Trofaiach gilt als Vorzeigestadt in Sachen Ortskernrevitalisierung.