die kritik
der kunst

Die Kunst ist seit jeher Spiegel unserer Gesellschaft — und rückt zeitaktuelle Themen wie Klimawandel oder Migration in den Fokus der Öffentlichkeit.
Fotocredit:
Galerie Karsten Greve
1819, pariser salon.
Rund um ein Gemälde von Théodore Géricault drängen sich zahlreiche Menschen. Zu sehen: die Szene eines Schiffbruchs, später bekannt als Das Floß der Medusa. Das Werk provozierte – und verewigte einen Vorfall, den die Bourbonenregierung lieber aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen hätte. Denn Géricault stellte in seinem Gemälde das Schiffsunglück der „Medusa“ dar, einer Fregatte, die 1816 vor der Küste Westafrikas aufgrund von Korruption und Inkompetenz auf Grund gelaufen war und über hundert Menschen das Leben gekostet hatte. Das Gemälde zählt bis heute zu den bekanntesten Beispielen einer künstlerischen Anklage gegen soziale Missstände und politische Fehlentscheidungen. Damit steht es in einer Linie mit Werken wie Francisco de Goyas kriegskritischem Gemälde Die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808 (1814), Ai Weiweis Sunflower Seeds (2010), das die Arbeitsausbeutung in China hinterfragt, oder Kara Walkers Brunneninstallation Fons Americanus (2019 bis 2020), die sich mit Kolonialgeschichte, Sklaverei und deren aktuellen Auswirkungen auseinandersetzt.
Fotocredit:
Mircea Suciu and /SAC Bucharest
Spiegel der Welt
Kunstschaffende aus aller Welt rücken bis heute gesellschaftliche Themen mithilfe von Malerei, Bildhauerei sowie neuen Medien und Aktionskunst in den Fokus – auch in Österreich. Die Ausstellung substanz im Künstlerhaus Wien etwa trug erst vor Kurzem die Arbeiten einer Reihe Kunstschaffender und Kulturakteur:innen zusammen, deren Werke gesellschaftliche Probleme – von Geschlechterrollen bei Vlasta Delimar bis hin zu Migration und kultureller Zugehörigkeit bei Julian Jankovic – aktiv aufarbeiten. Sie evozieren nicht nur Reaktionen, sondern werden mittels Kampagnen auch selbst zu Akteur:innen. Auch das Klima rückt immer häufiger in den Fokus. So widmet das Linzer Lentos derzeit eine multimediale Ausstellung den „verheerenden politischen, ökonomischen, ökologischen und humanitären Auswirkungen des Anthropozäns“: Touch of Nature unter der Leitung von Kuratorin Sabine Fellner versammelt Werke internationaler Künstler:innen rund um Themen wie Bodenversiegelung, Konsumverhalten, Welternährung oder die Folgen des Kolonialismus. Dabei widmet sich beispielsweise Margot Pilz mit ihrer Installation Restnatur dem Verlust natürlicher Lebensräume, während Oliver Ressler in seinem Filmprojekt The path is never the same(2022) Protestbewegungen gegen den Klimawandel dokumentiert.

Schon der deutsche Künstler Joseph Beuys erkannte: „Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität. Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kunst.“ So schafft die Kunst bis heute Bewusstsein, eröffnet neue Perspektiven oder richtet einen Scheinwerfer auf Dinge, die sonst oft verborgen bleiben würden. Während Wissenschaft und Journalismus Daten, Fakten und Zahlen liefern, vermag die Kunst, Emotionen und Handlungsimpulse zu wecken und Identität zu stiften. Häufig wird ihr Werk dafür Teil des öffentlichen Raums. Das zeigen Werke des Streetart-Künstlers Banksy immer wieder eindrucksvoll – oder Kunstinstallationen wie jene von Olafur Eliasson und Minik Rosing, die 2014 mit Ice Watch zwölf große Eisblöcke aus Grönland vor den Augen der Passanten auf dem Rathausplatz in Kopenhagen schmelzen ließen; ein Zeichen für die Dringlichkeit des Klimaschutzes.

Klar ist: Kunst allein kann die Welt nicht retten – wohl aber kann sie Menschen zum Nachdenken anregen und so Impulse für echte Veränderung setzen. 
Ausstellungstipp
Touch of Nature, Lentos
Die multimediale Ausstellung im Linzer Lentos versammelt internationale
Künstler:innen, die zeitaktuelle Krisen — von Politik und Wirtschaft bis Umwelt und Gesellschaft — thematisieren, Missstände dokumentieren, Widerstand formulieren und neue Utopien entwerfen. Zu sehen bis 18.05.2025.
Mehr dazu:
www.lentos.at
1_ Claire Morgan, The inevitable heat death of the universe, 2023 © Claire Morgan, Courtesy of Galerie Karsten Greve Köln Paris St. Moritz.

2_ Vanja Bučan, Sequences of Truth and Deception, 2018.

3_ Mircea Suciu, Still life with movie projection (The Fall), 2023.