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CO₂-Kompensationszahlungen sind mittlerweile fixer Bestandteil der Reisebranche. Doch: Investiert man damit ins reine Klima — oder doch eher ins reine Gewissen?
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Hilft man mit Kompensationszahlungen dem Klima oder kauft man sich nur ein gutes Gewissen?
kyoto. 11. dezember 1997.
Ein Datum, das in die Geschichte des Klimaschutzes eingehen sollte; als jener Tag, an dem der erste völkerrechtlich bindende Vertrag – der 2005 in Kraft treten sollte – zur Reduktion von Treibhausgasen unterzeichnet wurde. Seither ist viel passiert: Auf die zweite Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls folgte 2015 das Pariser Klimaabkommen. Und zwischen all der Politik: Unternehmen, Organisationen – und Menschen, die versuchen, ihr Leben aktiv klimafreundlicher zu gestalten. Sie kaufen bewusster ein, sparen Strom, beschäftigen sich mit der Kreislaufwirtschaft. Steht eine Fernreise an, buchen sie Nonstop-Flüge – und tätigen Kompensationszahlungen, um ihren Fußabdruck klein zu halten. Dabei stellt sich die Frage: Wie effektiv sind diese Zahlungen wirklich? Hilft man dabei tatsächlich dem Klima – oder erkauft man sich in Wirklichkeit nur ein gutes Gewissen?
Grundsätzlich finde ich es gut und wichtig, möglichst viele und möglichst gute Klimaschutzprojekte im Süden ins Leben zu rufen — aber nicht, um sie als Ausrede für weiteres klimaschädliches Verhalten zu missbrauchen.
– Karl Schellmann, WWF-Klimasprecher
Klimabeitrag oder Greenwashing?
Die Idee hinter den Kompensationszahlungen, die uns oft während der Reiseplanung unterkommen, ist recht einfach: Die Emissionen, die der Flug, auf dem man sich befindet, erzeugt, gleicht man aus, indem man Projekte unterstützt, die CO₂ einsparen oder reduzieren. Die Emissionen der Reise werden also kompensiert. Erdacht wurde dieses Modell bereits um die Jahrtausendwende, weiß WWF-Klimasprecher Karl Schellmann: „Das war quasi ein Schlupfloch. Die Industriestaaten haben sich gesagt: Wir senken die Emissionen – aber wir tun es nicht bei uns, sondern anderswo, weil es dort billiger ist.“ Anderswo, das waren und sind meist Entwicklungsländer im globalen Süden. Daraus entstand ein regelrechtes Handelssystem. Erst im Zuge des Pariser Klimaabkommens konnten klare Reduktionsziele für alle Staaten gesetzt werden. Gut so. Denn, so der Klimasprecher, funktioniert habe das System nicht: „Wir haben in der Atmosphäre inzwischen einen so hohen Gehalt an Treibhausgasen, dass jede zusätzliche Emission ein Problem ist. Wenn man woanders weniger erzeugt, gleicht sich das zwar in einer Milchmädchenrechnung aus – aber in der Realität ist das, was man selber verursacht, trotzdem vorhanden.“
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Wir haben in der Atmosphäre inzwischen einen so hohen Gehalt an Treibhausgasen, dass jede zusätzliche Emission ein Problem ist.
Zwischen Versprechen und Wirklichkeit
Viele Projekte und Unternehmen versprechen also eine Kompensation, die es so gar nicht gibt. Problematisch ist auch, dass es keine Regulierung des Bereichs gibt und die Standards und Zertifizierungen häufig nicht verlässlich sind. Wirklich sinnstiftend seien nur jene Projekte, die aktiv CO₂ aus der Atmosphäre entnehmen würden (Carbon Capture & Storage). Leider gäbe es diese Projekte aufgrund des enormen Energiebedarfs kaum, merkt Karl Schellmann an: „Man muss kontrollieren, ob diese Energie wirklich rein erneuerbar hergestellt wird und nicht für sich wieder einen Schaden anrichtet.“ Viele Klimaprojekte haben sich, dem Gedanken der Carbon Capture folgend, daher der Pflanzung neuer Bäume verschrieben, die bekanntlich Kohlenstoff binden und Sauerstoff produzieren. Im Grunde eine gute Idee. Oder? Nicht ganz. Denn, wie eine Studie im Fachjournal „PNAS“ kürzlich zeigte, dauert es Jahrzehnte, bis Wiederaufforstungen signifikante Auswirkungen zeigen.¹ Außerdem „kann es durchaus passieren, dass man den Lebensraum der Menschen vor Ort ruiniert oder Baumarten einführt, die eigentlich nicht vor Ort wachsen und im weiteren Verlauf großen Schaden anrichten, weiß der Klimaexperte. Einen anderen Zugang verfolgt die Lufthansa: Über „Compensaid“ können Fluggäste zur Investition in aktiv eingesetzten SAF (Sustainable Aviation Fuel) beitragen – ein guter Ansatz, der aber wohl erst in der Zukunft, sollte der Biokraftstoff sich durchsetzen, wirklich zum Tragen kommen wird.
Zertifizieren – Kompensieren?
Der Markt der freiwilligen CO₂-Kompensationen ist unreguliert, weshalb viele Projekte und Zertifikate häufig nicht verlässlich sind. Der von NGOs entwickelte Gold-Standard hilft dabei, die richtigen Projekte zu finden. Mehr dazu unter:
goldstandard.org
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Mit Emissionen rechnen
Ein weiterer Wermutstropfen für jene, die ihre Flüge gerne kompensieren: Jede Tonne CO₂ verursacht dem Experten zufolge zwischen 200 und 700 Euro. Man müsste für einen einigermaßen angemessen Ausgleichsbetrag also tief in die Geldbörse greifen. Wer sich durch seine Flugbuchung klickt, wird dennoch (zurecht) überlegen, ob eine Kompensation – oder eher „Spende“ – trotzdem Gutes bewirken kann. Einige Kriterien sollte man hierbei jedenfalls beachten: So sollten Klimaschutzprojekte durch die Kompensation selbst finanziert werden. Karl Schellmann rät außerdem dazu, besser nicht über eine der vielen Plattformen zu kompensieren, auch deshalb, da die Berechnungsmethoden der Anbieter stark variieren. Statt dieser „allgemeinen Ablasszahlung“ sollte besser gezielt und direkt in ausgewählte, einzelne Projekte investiert werden. Der allerwichtigste Schritt ist jedoch der Verzicht auf den Flugtransfer zugunsten alternativer, grünerer Transportmöglichkeiten wie der Zugfahrt. „Es führt kein Weg daran vorbei“, erklärt der WWF-Klimasprecher. „Solange die Flieger mit fossilen Treibstoffen fliegen, müssen wir so wenig wie irgend möglich fliegen. Das ist die harte Realität.“
Destination 2050
Derzeit hat der Luftverkehr einen Anteil von 3,06  Prozent der globalen Emissionen. Bis 2050 will die europäische Luftverkehrswirtschaft den CO₂-neutralen Flugverkehr in Europa erreichen.²
Mehr dazu unter:
destination2050.eu
Quellenangaben
1 _ Zhang et al: Climate-smart forestry through innovative wood products and commercial afforestation and reforestation on marginal land. PNAS: 2023.
doi.org/10.1073/pnas.2221840120
2 _ Klimaschutzportal: Klimakiller Nr. 1?
klimaschutzportal.aero/klimakiller-nr-1/
WWF: Kompensation und CO₂-Ausgleich: So geht es richtig.
wwf.de/aktiv-werden/tipps-fuer-den-alltag/energie-sparen-und-ressourcen-schonen/kompensation-und-co2-ausgleich-so-geht-es-richtig